Grenzen der Duz-Kultur – bitte auch das „Sie“ erhalten!

Vom „Sie“ zum „Du“

Es ist gar nicht lange her, da siezten wohlerzogene Kinder ihre Eltern und Paare nahmen das Du erst nach der Eheschließung in das partnerschaftliche Vokabular auf. Herrscher führten schon recht früh den Pluralis Maiestatis ein, da sie auch für die Untergebenen sprachen und diese somit im gemeinschaftlichen WIR einschlossen. Daraus leitete sich im Laufe der Jahrhunderte die Höflichkeitsform „Sie“ und damit verbunden die Verwendung des Verbes im Plural ab, um Fremde, aber auch „übergeordnete“ Einzelpersonen anzusprechen und soziale Stellungen zuzuordnen.

Von großen internationalen Unternehmen wurde neuerdings eine unhöfliche Rückentwicklung etabliert: das vorgeschriebene „Du“ vom Pförtner bis zum Vorstand. Dass im englischsprachigen die Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ mangels entsprechender Worte durch Ansprache mittels Vornamen vorgenommen wird, kennen wir aus (übersetzten) Fernseh-Serien zur Genüge. Der Abteilungsleiter sagt mit gönnerhaftem Lächeln „Bitte nennen Sie mich Marc“, die Mitarbeiter wenden sich mit einem halbförmlichen „Marc, wie sehen Sie das?“ an ihren Vorgesetzten. Soweit funktioniert das System auch noch. Allerdings nicht mehr, sobald versucht wird, es in unserem Kulturkreis zu etablieren. Können Sie sich vorstelllen, sich mit „Ich bringe Ihnen eine Kleinigkeit mit, Werner“ vom Chef in den Urlaub zu verabschieden? Wahrscheinlich fällt das eher schwer.

Was ist die Motivation?

Der Ansatz solcher homogenen Duz-Kulturen in Unternehmen – ich habe das erstmals beim weltgrößten Logistiker kennengelernt – ist scheinbar, dass sich alle Mitarbeiter gleichbehandelt fühlen und die Hemmungen zur Konsultation des Vorgesetzten herabgesetzt sind. Man ist ja quasi durch das Duz-Diktat kumpelhaft verbandelt. Natürlich macht es den Vorgesetzten auch irgendwie sympathischer. Theoretisch.

So sieht es der Mitarbeiter

Die Wirkung, die ich dabei allerdings festgestellt habe, ist eine andere. Mitarbeiter, die eher der Basis des Unternehmens zuzuordnen sind, haben oftmals nicht nur anfänglich Schwierigkeiten, die „hohen Persönlichkeiten“ des Unternehmens zu duzen. Stünde man auf gleicher Stufe, wären schließlich auch die Annehmlichkeiten die gleichen, nicht nur die Anrede. Auch die Achtung vor dem teils erheblichen Vorsprung des Vorgesetzten -,ob an Erfahrung, Einfluss oder Verantwortlichkeitenzulosung – drückt sich respektvoll auch im gewohnten „Sie“ aus. So wie der Kreditbedürftige den entscheidenden Bankmitarbeiter nicht duzen möchte, um die respektvolle Distanz nicht schädlich zu überwinden, so wollen auch viele Mitarbeiter ihre Vorgesetzten nicht pauschal duzen müssen. Sicherheitsabstand hat noch niemandem geschadet.

Schwierigkeiten für den Vorgesetzten

Als Vorgesetzter ist die vorgeschriebene Umgangsform mitunter auch schwierig. Tadel erteilt man besser aus respektvollem Abstand und Lob ist angesehener, wenn es von „höherer Stelle“ kommt. Auch ist manchem ein gewisser verbaler Abstand hilfreich, um einen objektiven und nüchternen Umgang zu wahren.

Fazit

Das diktierte „Du“ hat viele Facetten, die sicherlich alle ihre Vorzüge haben – im richtigen Ambiente! Eine nicht nachweisbare Verbesserung der Unternehmenskultur oder gar eine erhoffte Erleichterung in der Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten rechtfertigen den tiefgreifenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte – schließlich wird dem Individuum die (fiktive) soziale Stufe ohne Bezug zu seinem tatsächlichen Rang zugewiesen – nicht.

2 Antworten auf „Grenzen der Duz-Kultur – bitte auch das „Sie“ erhalten!“

  1. Mittlerweilen unertraeglich, Ikea, Mr Spex , Outfittery etc auch in einigen
    Media- und Baumaerkten – alle mit einem jovialen Du und einem Gebaren als
    wenn sie in meiner WG wohnen.

    Aber jeder dieser „Freunde“ schenkt mir nie etwas und findet ganz schnell zum „Sie“ zurueck wenn es darum geht Geld einzutreiben indem sie mir ein Inkassobuero auf den Hals hetzen.

    Solange man sich mit seinen Kommunikationspartnern nicht zuvor darauf
    verständigt bleibt „Du“ immer ein Zeichen von Geringschätzung,

  2. hab das so noch nicht gesehen. ich arbeite seit zwei jahre bei XXX (von der Redaktion unkenntlich gemacht) und hab mir ncoh nie darüber nachgedacht. ich beobachte das jetzt und berichte dann. MfG Peter

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