Auszug aus Kapitel 1 „Der Ort bei den Linden“

Die eigene Herkunft zu kennen ist wichtig. Doch die meisten Menschen können ihre Vorfahren nicht weiter als bis kurz vor dem ersten Weltkrieg zurück verfolgen. Der Adelsstand genießt das Privileg, die Wurzeln sehr weit zurück in der Verghangenheit dokumentiert zu wissen. Hierzu ein weiterer Auszug aus  „E. F. Graf von Luppe – Simulation einer Autobiografie“:

 

„Der menschlichen Natur von eisernem Neid und anthropologischem Egoismus entsprechend begab es sich, dass mit wachsender Bevölkerung und Handelstätigkeit Leipzigs nicht nur Wohlstand und Reichtum, sondern auch Streitigkeiten und Verbrechen Zugewinne verbuchten. Einer meiner Vorfahren, Ruprecht von Lepse, erfüllte offensichtlich die Anforderungen an Vermögen und Einfluss, um das letzte Wort innnerhalb seines Stammes zu haben. Er wurde auserwählt, die Einhaltung der Gesetze des Markgrafen Otto von Meißen in der jungen Stadt Leipzig einzuhalten und erhielt den Titel des Landgrafen. Der bereits damals besondere Dialekt der Region, obwohl er noch nicht so feinjustiert war wie heute, wandelte den Namen „Lepse“ binnen zweier Generationen zu „Luppe“. Nachdem Ehrfurcht und politisches Gewicht ausreichend waren, um sogar den Namen eines Flusses zu ändern, war das Geschlecht derer von Luppe etabliert und untrennbar mit dem Ort bei den Linden verbunden.

Die ab dem frühen Mittelalter gewachsene Sammlung von Gemälden meiner Ahnen füllt einige Wände im Haus und erheitert mitunter durch die unterschiedlichsten Moden der Zeiten, physiognomische Kuriositäten und die teilweise skurille Vorstellungen von Statussymbolen. Willibald Graf von Luppe zum Beispiel, der entgegen des Zeitgeistes seine gammligen Zähne auf Gemälden nicht im geschlossenen Mund verbarg, sondern selbstbewusst und beinahe trophäenhaft zur Schau stellte. Gerlinde, einstmals Amme im Dienste derer von Luppe, die eine Karriere von der gemeinen Amme zur Mätresse des Dienstherrn und sodann zur Gemahlin des einstigen Zöglings Wolfgang Friedrich Graf von Luppe durchlebte.

Die meisten Menschen können nicht einmal nachvollziehen, welche Berufe ihre Ahnen hatten. Schon gar nicht können sie es sonderlich weit detailliert zurück verfolgen. Erwähnungen in Gerichtsakten, Chroniken und Urkunden sind beeindruckende Belege der Abstammung und zugleich eindringliche Verpflichtung, das ehrenvolle Erbe fortzuführen. Beispielsweise ist in der Chronik der Stadt Dresden zu lesen, dass ein Cousin meines Ur-hoch-n-fachen Großvaters Wolff von Luppe, der auch in abstraktem Grade mit dem Marquise de Sade verwandt war, als Sittenstrolch einen gewissen Ruhm erfuhr und die ihm vorgeworfenen erotischen Scharmützel später von dem ein oder anderen bekannten Literaten als Phantasie seines Protagonisten aufgegriffen wurde.“

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